Essay

Die Industrie kommt ins Dorf

Stand: 28.07.2019 | 0:60 Uhr

Sind Industrie und Umwelt unvereinbar?

von Mampfret Illner, ZDDF

Die Industrie kommt ins Dorf. Gute Sache möchte man meinen: Neue Perspektiven und Arbeitsplätze werden geschaffen, Geld wird ins Dorf gespült und womöglich ist die Rückständigkeit und Abgeschnittenheit bald nicht mehr zu spüren. Doch Einige haben Angst, Angst vor Veränderung. Dass nichts mehr so sein wird wie früher. Dass man nur einen Schritt vor die Haustür macht und von der städtischen Hektik übermannt wird und das unnachlässige Hintergrundrauschen der Industrieanlagen und Autos seinen Platz im Alltag fordert. Genau so geht es momentan vielen Bürgern in Bombelhausen, die schon einige Zeit dem Treiben der umliegenden Städte skeptisch zusehen.

Trübingen als Beispiel platzt aus allen Nähten. Die Straßen sind eng und viel befahren, Wohnungen knapp und die zwischenstädtischen Verbindungen sind allenfalls ausreichend. Und wenn das noch nicht ausreicht, will sich auch noch einen neue NanoTech-Firma ansiedeln. Aber weil Trübingen schon voll ist, geht es nach nebenan, nach Bombelhausen. Geworben wird mit einem neuen Kommunikationsnetz und einer neuen Landstraße. Das, wovor sich viele Leute in Bombelhausen versteckt haben, um der Reizüberflutung zu entfliehen, ein bisschen naturverbundener zu sein, und in aller Stille den hiesigen Blähfröschen zu lauschen, um die es dort in letzter Zeit hauptsächlich ging. Denn die artengeschützten Tiere siedeln genau auf dem geplanten Gebiet der NanoTech-Firma.

So stellt sich die Frage, was mit den kleinen Tierchen anzustellen ist. Natürlich denkt man zu allererst: Einfach umsiedeln. Zu welchem Schluss auch die Behörden kamen. Doch der Widerstand sträubt sich, vor allem weil nun der internationale Umweltverband WTF mitmischt, laut deren Aussagen nur mangelhaft geprüft wurde. Die NanoTech-Firma kann doch auch wo anders hin, ist deren Motto, was natürlich viele Bombelhausener teilen. Ein Tauziehen zwischen Naturschützern und Industrie. Nichts Neues natürlich und oft gesehen. Nicht lange muss man suchen um Artikel zu finden, die zeigen was passiert, wenn sich ein Dorf der Industrie unterwirft: Die Industrie kommt, das Dorf ist weg. Es gibt keine Natur mehr und niemanden, der den Rest davon noch genießen könnte. Denn Industriedörfer, Bauerndörfer, die teilweise ihre Einwohnerzahlen in zwei Jahrzehnten verfünfzigfacht haben, waren Phänomene der späten Industrialisierung. Heutzutage ist das kaum noch der Fall.

Da fragt man sich doch, wo denn dann noch der Gewinn liegt. Die Politik betrachtet das natürlich zurücklehnend zuversichtlich: "Dass man schon eine gemeinsame Lösung finden würde, die jeden zufrieden stellt.", während in ihren Augen der Widerschein des Blattgoldes zu erkennen ist, der diese Region einmal überziehen soll. Man ist sich wohl darüber bewusst, wer hier am längeren Hebel sitzt, wenn einem nicht gerade die Justiz einen Strich durch die Rechnung macht. Denn bis zur Industrieansiedlung in Bombelhausen muss erst noch die Klage des Umweltverbandes WTF überwunden werden. Eine gute Zeitspanne um nochmal Sympathie bei den Bürgern zu wecken und die Wogen zu glätten. Die Industrie gibt sich bürgernah, achte natürlich auf den Artenschutz und biete eine Möglichkeit gegen Arbeitslosigkeit und Landflucht: "Damit die Enkel nicht mehr nur am Wochenende kommen". Ob das so sein wird? Man ist skeptisch. Zu utopisch klingen die Versprechungen in Anbetracht der Veränderung.

Wenn die tösenden Bagger angerollt kommen und der monatelange Lärm der Bauarbeiten ein Industriehausen zurücklässt, kann sich kaum einer vorstellen, was dann zu sehen ist. Für die meisten wohl nichts Gutes oder Wiedererkennbares. Denn für sie biete Bombelhausen und seine Natur einen Rückzugsort sowie eine Komfortzone, aus der man nur ungern herausgeht und nur ungern Störendes oder Befremdliches hineinlässt. Bornierte, geistig unflexible, zwanghafte Bombelhausener, könnte man meinen. Aus Angst vor Veränderung bleibt man lieber stehen. Schockstarre. Und dann: Kämpfe oder Flieh! Von gewillter Anpassung keine Spur. Und das Ganze auch noch befeuert vom WTF unter dem Vorwand des Naturschutzes. Zunehmend werden hier alle verrückt, da kann es einem schon egal werden, ob die Firma nun kommt oder nicht, solange das Theater endlich ein Ende hat. Es ist ein Kampf, der auf dem Rücken dieser Menschen ausgetragen und durch deren Ängste bestärkt wird, egal wie irrational diese auch sein mögen. Deshalb sollte es doch gerade die Aufgabe der Politik sein, auf seine Bürger zuzugehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Stattdessen nur beruhigende Worte und ein Mindestsatz an Solidarität. Man kennt ja die Bürger. Sie stellen sich an wie unbeholfene Kinder, denen man Informationmaterial anbietet, welches dann oft nur ignoriert, übersehen oder belächelt wird. Und wenn man auf sie zukommt, halten sie sich die Ohren zu, während sie versuchen dich zu übertönen. Denn sie wissen auch so, wer Recht hat.

Nichtsdestotrotz ist es wichtig in Kontakt mit den Menschen zu sein, damit in alldem aufkommenden Wahnsinn eine differenzierte Entscheidung über die Zukunft dieses Ortes getroffen werden kann.

 

Streit um Industriestandort Bombelhausen

WTF reicht Klage gegen Planfestellungsverfahren ein

Stand: 17.05.2019 | 25:61 Uhr

Im Streit um den geplanten Industriestandort der Firma Nano(Sur)face in Bombelhausen leitete nun der Umweltverband WTF rechtliche Schritte zum Schutz der Blähfroschwiesen ein. Das bereits genehmigte Planfestellungsverfahren sei, laut Aussagen des WTF, unvollständig auf Alternativen geprüft worden.

Von Mampfret Illner, ZDDF

Schon seit einem Jahr hält der Streit um die Errichtung des Industriestandortes in Bombelhausen an. Bisher hat sich die Bürgerbewegung Na-No gegen die Ansiedlung der Firma Nano(Sur)Face eingesetzt, um die Blähfroschwiesen und die hiesigen Blähfrösche zu schützen. Nachdem durch einen Bürgerentscheid dem Planfestellungsverfahren stattgegeben wurde, schaltete sich nun der Umweltverband WTF ein, welcher eine genauere Prüfung fordert. Zudem sollen die Bürger in Bezug auf den Bürgerentscheid nicht ausreichend informiert worden sein.