Anarchie in Bombelhausen?!

Unbekannte beschmieren das Gemeinderathaus mit antitechnologischen Parolen.

Eine Kolumne von Rainer Seppels

11.07.2019

Sehr geehrte Leser, viele von Ihnen reagierten mit gesteigertem Interesse und durchaus verschiedenen Meinungen auf meinen Kommentar zu den Bombelhausener Geschehnissen. Das sah ich an den vielen Leserbriefen und Posts und Diskussionen auf diversen Social Media. Für alle, die nicht mitbekommen haben, was dort vor sich geht, verweise ich gerne auf meine Kolumne vom 22.05.2019, in dem ich mehr auf den derzeitigen Stand eingehe. Doch nun zu den aktuellen Ereignissen. Heute Morgen schlug die metaphorische Bombe ein: Wie in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ muss sich der Hausmeister vorgekommen sein, als er das Rathaus aufschloss. Offenbar brachen dort letzte Nacht Unbekannte ein. Die Wände fand man mit Schriftzügen in Buchstaben aus einer roten, übelriechenden Substanz besprüht vor. Natürlich handelt es sich hierbei nicht um Rassismus unter Zauberern, sondern es geht einmal wieder um den geplanten Industriepark. „Keine Todestechnologie in Bombelhausen", „Keine Nanokontrolle über unsere Körper und unseren Geist", „Rettet den Planeten aus dem Würgegriff des Turbokapitalismus" sind nur einige Beispiele. Dass es sich bei diesen Parolen um ausgemachten Unsinn handelt, muss ich Ihnen, liebe Leser, wohl nicht erklären. Doch offenbar gibt es immer noch Menschen, welche glauben, dass die Regierung die Bevölkerung durch „Nanobots“ kontrolliert. Dies zeigt, dass eine riesige Wissenslücke bei vielen Bürgern vorliegt, was die Naturwissenschaften angeht. Und das trifft nicht nur die Nanotechnologie, sondern alle Hochtechnologien. Um diese Wissenslücke zu füllen, müssen sowohl Politik als auch Industrie und Wissenschaft Hand in Hand arbeiten. Es braucht Aufklärungskampagnen, in denen die Möglichkeiten, aber auch Grenzen von Nano-, Gen- und anderen Technologien aufgezeigt werden.

Die Hauptbetroffene – Gemeinderätin Gerlinde Göckele – befürwortete in letzter Zeit den Bau des Industrieparks in der Öffentlichkeit sehr. Sie erwähnte den WTF im Zusammenhang mit dieser „Schmiererei“. Tatsächlich sind solche, nach außen seriös auftretende, Organisationen nicht unbekannt für Aktionen dieser Art: Schon um 2008 kam es zu einer Welle sogenannter „Feldbefreiungen“ bei denen Versuchsfelder durch Aktivisten der Gruppe Grünfrieden professionell zerstört wurden. Des Weiteren kam es in Frankreich und Großbritannien schon des Öfteren Anschläge anarchistisch-antitechnologischer Gruppen auf Nanotechnologie-Konferenzen. Ob die Anschuldigungen von Frau Göckele sich bewahrheiten, werden wir in nächster Zeit sehen. Im Moment halten sich sowohl der WTF als auch die Vertreter der Industrie bedeckt. Ich halte Sie weiter auf dem Laufenden.


Was ist los in Bombelhausen?

Eine Kolumne von Rainer Seppels 

22.05.2019

Meine sehr verehrten Leser, es ist wieder so weit: Eine kleine Ortschaft wird bedroht. Zumindest, wenn man nach meiner Kollegin Alexa Läufer von der Graphik geht: „Die Nano-Industrie ist auf dem Vormarsch, um auch noch dieses letzte bissen Natur einzunehmen!“ Nun gut. Gucken wir uns doch einmal die Fakten an. Die kleine, relativ strukturschwache Gemeinde Bombelhausen (Nähe Trübingen) steht im Mittelpunkt der gesamten Angelegenheit. Gleich nebenan befindet sich ein Naturschutzgebiet namens Blähfroschwiesen. Namensgeber für dieses bezaubernde Stück Land sind die dort ansässigen, unter Naturschutz stehenden, Blähfrösche. So weit so gut. Nun kommt der eigentliche Knackpunkt. Das junge Unternehmen Nano(Sur)face will sich Anfang 2017 bei Bombelhausen ansiedeln. Die Politik ist begeistert und unterstützt das Projekt – in wirtschaftlicher Hinsicht ist dieser Plan eine Win-Win-Situation. Doch im gleichen Zeitraum bildet sich eine Bürgerinitiative, die sich, hauptsächlich aus Sorge um die Blähfrösche, gegen den Bau des Firmensitzes stark macht. Ein, von ebendieser Bürgerinitiative durchgesetzter Bürgerentscheid Mitte 2018, ging jedoch knapp zugunsten des Baus des Firmenstandorts aus.

Jetzt wird es aber erst richtig interessant: Nachdem das Planfeststellungsverfahren beschlossen war, klagt nun der WTF Umweltverband gegen ebenjenes und wirft unvollständige Prüfung auf Alternativen vor. Ein weiteres Argument, welches sowohl der WTF als auch unser Landes-Umweltminister Karl-Heinz Herbolzer brachten, ist, dass zu wenig informiert wurde. Dieses Argument ist einfach nur auf schlechte Recherche zurückzuführen: Schon im Mai 2018 gab es eine große Infoveranstaltung von Nano(Sur)face, auf welcher neben gehaltenen Vorträgen auch Fragen beantwortet wurden. Auch die dual-use Vorwürfe (Zusammenarbeit mit ARGFRAU und Austausch von Fachwissen mit dem NATO-Partner Türkei) sind schnell zu widerlegen, wenn man sich das Produkt der Firma einmal anguckt: Es handelt sich um eine antibakterielle Siliziumdioxidbeschichtungen(SiO 2), die Menschen nicht im Geringsten schadet. Von „Tötungswerkzeugen“, wie es einer der Aktivisten der Bürgerbewegung tut, kann man also auf keinen Fall reden - das Einzige, was hier getötet wird, sind Krankheitserreger.

Ein weiterer interessanter Blickwinkel ergibt sich, wenn man einen Blick auf die politische Situation wirft. Anscheinend kommen die Sonnenblumen, was das Planfeststellungsverfahrens angeht, nicht mehr auf einen Nenner: Während der oben erwähnte Herr Herbolzer sich wie aus dem Nichts auf die Seite des WTFs schlägt, empört sich die Lokalpolitik, „[Der] WTF richte großen Schaden für [den] Standort an.“

Als vorerst abschließende Worte würde ich Ihnen, meinen verehrten Lesern, gerne mitgeben: Es handelt sich nicht, wie meine Kollegin von der Graphik behauptet, um einen Überfall auf die Natur. Der Fall von Nano(Sur)face ist jetzt schon sehr bedeutend und könnte in Zukunft für ähnliche Szenarien als Präzedenzfall dienen. Darum muss in dieser durchaus komplexe Situation jede betroffene Partei angehört und ein sinnvoller Kompromiss gefunden werden.